André Franke hat ein Jahr lang die Nachrichten verfolgt. Im Adventskalender 2021 von Urbanophil präsentierte der Futurberliner jeden Tag ein Thema aus der Berliner Stadtentwicklung, das die Berliner Urbanism Community 2021 auf Trab gehalten hat. Kleine Skurrilitäten, große Kontroversen, Überraschungen und der ganz normale Wahnsinn im Werden der Großstadt.

Die ersten 13 Türchen verbargen die Highlights der Berliner Bezirke (ja, 13), Türchen 14 bis 23 sind jeweils einem übergreifenden Thema der Stadtentwicklung gewidmet und in der 24 lauerte die große Bescherung. Von Steglitz-Zehlendorf über Pankow bis zum 13. Bezirk, von Grün&Klima über Wohnen&Co. bis unter den Tannenbaum ließen wir Tag für Tag das ausklingende Jahr Revue passieren. Hier gibt es alle Türchen auf einen Blick.

#1 Mitte. Rücksichtslos bis in die Haarspitzen

Adventskalender 2021 Franke Mitte Schloss Kuppel Inschrift

Dass im prominentesten Kulturbauprojekt Berlins bereits vor Baubeginn zwei Seelen in der Brust schlugen, schien bisher notwendiges Übel. Wie ein neugebautes Schloss nutzen? Mit der Eröffnung des Humboldtforums und zuletzt der Dachterrasse drückt sich der Konflikt nun bis in die Haarspitzen des Hauses hinauf, zur Kuppel. Die Gäste, die in den Ausstellungen zu Zeugen eines freien Kulturdialogs gemacht werden sollen, lesen auf dem Dach die Kuppelinschrift: “Im Namen Jesu beugen sollen sich derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind”. Eine Tafel aus Bronze ist es den Humboldtforumsbetreibern wert, um klarzustellen, dass sie mit diesem Projektelement nichts am Hut haben (wollen). Sie gehen auf Distanz, so weit dies eben möglich ist auf einer gerade einmal 400 Quadratmeter kleinen Fläche, auf der die Kuppel des Königs so übermächtig wie sonst nirgends in der Stadt wirkt. Hier ist der Kampf der Schlossplatz-Seelen kein Übel mehr. Die Reibung, der sich niemand zu entziehen vermag, bekommt einen Reiz, der unterhaltsam wird. Grob fahrlässig gehandelt haben die Kuppelstifter allerdings gegenüber einem anderen Haus. Das Thema der Religionen hat im Stadtkern doch vor allem das House of One gesetzt, das gleich um die Ecke entsteht. Der Grundstein für dieses “House”, das nichts Geringeres als Lessings gebaute Ringparabel verkörpert, wurde im Frühling gelegt. Diese enttäuschende Rücksichtslosigkeit – gegenüber der weltpolitischen Lage und gegenüber der eigenen Stadt – macht das Schlossbauprojekt auch 2021 nicht sympathischer.

#2 Pankow. Der Trail durchs Tor

Adventskalender 2021 Pankow Heinersdorf Prenzlauer Berg

In Pankow hat das Jahr endlich Klarheit für das zentralste Städtebauprojekt des Bezirks gebracht. Für das „Pankower Tor“, die 40 Hektar große Brachfläche des ehemaligen Rangierbahnhofs Heinersdorf, gibt es seit August einen Plan, der aus dem städtebaulichen Wettbewerb als Siegerentwurf hervorgegangen ist. Ein Hochhaus mit Stadtplatz und Bibliothek macht den Auftakt am S- und U-Bahnhof Pankow. Sieben Wohnblöcke mit großen Höfen und zwei eingebetteten Kitas erstrecken sich über das langgezogene weite Gelände und bringen Berlin 2.000 neue Wohnungen. Eine Grundschule liegt mittenmang an der Stelle, wo die neue Tramlinie von der Granitzstraße in das Gebiet einbiegt. Kurt Kriegers Möbelhauskomplex, des Investors Hauptangelegenheit, findet seine Ruhe im aufgeweiteten Nordosten des Areals. Hier wird die einzige Straße gebaut. Ansonsten bleibt das Quartier autofrei. Das „Pankower Tor“ wird zum Einfallstor nach Berlin – nur für Fahrradfahrer. Über den „Panke-Trail“ gelangen sie parallel zur S-Bahn und treffen in der Nähe des Hochhauses auf ein Gebäude, das in der Stadt Schule machen könnte: einen Fahrradladen, der auf begrüntem Dach für seine Kunden eine Teststrecke bereithält. Der Ausblick von dort wird dem Ausblick vom geplanten Hochhaus in nichts nachstehen. Er fällt über den Findlingswald im Naturpark, den Regenwasserspielplatz und die Picknickwiese bis zum Bewegungspark mit Bolzplatz, Parcours, Calisthenics und der Skateanlage. Die Zauneidechsen ziehen in den zwischen Bahn und Panke-Trail geschaffenen Biotopverbund. Selbst Dünen wird es geben. Nur die Kreuzkröte kriegt keinen Platz ab und wandert nach Brandenburg aus. Das neue Bahnbrückchen mittig im Quartier könnte für deren Abzug Richtung Norden gedacht sein.

#3 Lichtenberg. Pioniere der transformativen Stadt

Adventskalender 2021 Lichtenberg Einkaufscenter Stadtumbau

Lichtenberg zeigt ein weiteres Mal seinen Pioniergeist auf dem Weg zur transformativen Stadt. Nachdem an der Frankfurter Allee und auf dem Sportforum Hohenschönhausen bereits vor Jahren Büroplattenbauten zu Wohngebäuden gemacht wurden, wandelt der Bezirk nun seine leerstehenden Einkaufszentren um. Seit dem Frühjahr wird das Tierpark-Center in Friedrichsfelde umgebaut, damit in dem jungen Gebäude eine 130-köpfige Kita ihren Platz finden kann. Ist das noch Notwendigkeit oder schon revolutionär? Zum Vorreiter, berlinweit, macht sich Lichtenberg auch mit seinem Mitte April erstmals einberufenen Center-Gipfel, bei dem erörtert wurde, wie aus den zwölf im Bezirk liegenden Einkaufszentren multifunktionale Kiezzentren gemacht werden können. Erfrischende Neuigkeiten sind das, nicht zuletzt in ästhetischem Sinn: Handelt es sich doch bei dem Großteil der Bauten um recht klobige, recht sperrige 90er-Jahre-Architekturen.

#4 Marzahn-Hellersdorf. Seilbahn oder Sauerland

Adventskalender 2021 Türchen 4 Marzahn Gärten der Welt IGA Seilbahn CDU

Wenn sogar CDU-Stehaufmännchen Friedrich Merz nach Marzahn-Hellersdorf guckt, um sein Team für die Wahl zum Parteivorsitz mit guten Leuten zu bestücken, dann muss dort Beachtliches vorgefallen sein. Sein Parteikollege Mario Czaja hat der Linkenpolitikerin Petra Pau dort das Direktmandat für den Bundestag abgerungen. Wie Czaja gegenüber der Abendschau nach der Wahl im September sagt, habe er bei den Menschen vor Ort mit dem Versprechen zum schnellen Bau des Freibades im Jelena-Santic-Friedenspark gepunktet. Als einziger Bezirk Berlins hat Marzahn-Hellersdorf kein Freibad. Czaja bringt ihnen nun die „wasserdichten“ Verträge. Bringt „der Kiezmacher“, wie er sich auf seiner Website profiliert, aber auch die Seilbahn für Berlin? Nachdem für das Ausnahmevehikel eine Variante der 3-G-Regel zuzutreffen scheint (Gebaut, Getestet, Geparkt), lehnt es die Senatsverkehrsverwaltung im September ab, das IGA-Geschenk von 2017 in die BVG zu überführen und damit für alle Berliner zu öffnen. Sogar die Brandenburger könnten mit dem VBB-Ticket einsteigen. Ist die Seilbahn denn nicht ein entwicklungsfähiges Gut der Großstadtregion? Stattdessen bleibt das Projekt ein provinzieller, exklusiver Exot von 1,5 Kilometer Streckenlänge (eine knappe Meile), auf der die Gondeln mit nur unterdurchschnittlicher Besatzung über den Kienberg fahren, missachtet von der Großstadt, die die Gartenschau nur als Event betrachtet und nicht als Auftakt für Stadtentwicklung. Möge Czaja, der die Seilbahn um eine weitere Meile verlängert möchte, möglichst Merz verlassen, damit er mehr Zeit für Berlin hat.

#5 Treptow-Köpenick. Demontage eines Stadtbilds

Adventskalender 2021 Türchen 5 Treptow Eierschale Spreepark Plänterwald

Zum ersten Mal war der „Spuk unterm Riesenrad“ vorbei, als 1990 die DDR unterging und mit ihr die gleichnamige Kinderfilmproduktion. Mit der Pleite des Spreeparkbetreibers Norbert Witte vor 20 Jahren schien der Spuk ein zweites Mal zu enden. Leider folgten die Geister dem Schausteller nach Peru und stießen die Wittes in eine grausame Familientragödie, sie ist im Dokumentarfilm „Achterbahn“ dargestellt. Anfang des Jahres nun fegt die Grün Berlin GmbH den Spuk unterm Riesenrad ein drittes Mal hinweg, indem sie das ganze Riesenrad entfernt. Ein Stadtbild ist verschwunden, das es seit 1969 gab. Ernüchternd ist der Blick von der Elsenbrücke in Richtung Plänterwald. Aus dem Tagebuch einer winterlichen Demontage: Am 7. und 8. Januar hängen Bauarbeiter die Gondeln aus. Drei Wochen Pause. Am 29. setzen sie die Arbeiten fort und ziehen die Speichen ein. Am nächsten Tag schneit es. Am 4. Februar stehen nur noch die acht roten Masten. Zwei Tage später stehen noch vier von ihnen. Noch einmal schneit es, und sie bekommen den vorletzten Schnee des ersten Berliner Pandemiewinters ab. Als alles Gerät am Boden liegt, fallen die Flocken ein drittes Mal. Es gleicht einem Zauber. Die Sonne strahlt auf den Ort am 18. Dann ist das Stadtbild ganz dahingeschmolzen. 2024 soll es saniert zurückkommen. Im September wurde im Spreepark auch das Konzept für die Neugestaltung des 20 Hektar großen Areals vorgestellt. Kunst, Kultur und Natur sollen sich miteinander verweben. Als erstes eröffnet im Herbst nächsten Jahres das – ebenfalls in Sanierung befindliche – Eierhäuschen. Das sieht leider keiner von der Elsenbrücke aus. Aber vielleicht spukt´s da ja.

#6 Neukölln. Das Tor der treuen Seelen

Adventskalender Türchen 6 Neukölln Estrel Hochhaus

Dem Namen nach dürften die Kleingartenkolonien „Treue Seele“ und „Freiheit“ das Hochhaus begrüßen. Denn der neue „Estrel-Tower“ ist ja mit Ekkehard (81) und Maxim (30) Streletzki ein generationsübergreifendes Familienprojekt. Mit angepeilten 176 Metern Höhe genießt der Entwurf der Architekten Barkow/Leibinger zudem eine Freiheit oder besser gesagt, einen Segen, der bisher keinem Gebäude in Berlin erteilt wurde. Der Langhof-Tower auf dem Hardenbergplatz (209 Meter) ist eine Vision geblieben, und die Kollhoff-Plan-Türme vom Alexanderplatz wurden von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher von 150 Metern auf 130 Meter gestutzt. An der Sonnenallee in Neukölln stutzt niemand. Die Lage verdient das Hochhaus, ein Tor des Südostens, für welches im November der Baustart gefeiert wurde. Die S-Bahn, die Autobahn, der BER sind die augenfälligsten Verbindungen. Unscheinbar dagegen existieren der nahe Mauerweg und der Neuköllner Schifffahrtskanal. Beide Infrastrukturen besitzen alternatives Entwicklungspotenzial. Gerade der Kanal mit seinem (Dreck-)Wasser und dem exotischen Estrel-Schiffsanleger wird von dem Turmbau profitieren. Ein Park entsteht dahinter. Die Realität der Lage ist ja bis dato auch, dass sich altes und neues Hotelgebäude (beide werden mit einem Tunnel verbunden) in einem Gewerbegebiet befinden. Fenster-Fiedler und Pumpen-Lehmann grüßen vom anderen Ufer. Und alle Touristen, die vom Hotel aus die Fahrgastschiffe besteigen, müssen als Auftakt zu den Sehenswürdigkeiten der Innenstadt erst einmal am Schrottplatz vorbei. Estrel kündigt an, das Hochhaus im Dezember 2024 zu eröffnen. Klingt nach einem Nikolaus- oder Weihnachtsgeschenk. 

#7 Friedrichshain-Kreuzberg. Sternstunden in der Südlichen Friedrichstadt

Adventskalender 2021 Friedrichshain-Kreuzberg

Um die Defizite des Stadtquartiers am Mehringplatz von A bis Z aufzusammeln, genügt die Lektüre eines einzigen Presseberichts. Die Liste urbaner Unvollkommenheiten liest sich wie ein Versagen, das nicht aufzuhalten ist: Arbeitslosigkeit, Baustellen, Dealer, Kinderarmut, Ratten, Schimmel, Transferabhängigkeit, Überfälle. Über Kreuzbergs „offene Wunde“ (Berliner Morgenpost, 23. Februar) zieht von März bis August aber auch ein Stern hinweg, den die Fachwelt ins Visier zu nehmen weiß. Zum hundertsten Geburtstag des Architekten, Stadtplaners und Ex-Senatsbaudirektors Werner Düttmann (1921–1983) veranstalten das Brücke-Museum aus Berlin-Dahlem (ein Bau Düttmanns) und die Zeitschrift ARCH+ Stadtspaziergänge, die quer durch die südliche Friedrichstadt verlaufen. Hüfthohe Großtafeln mit Infos zur Baugeschichte stehen an den Häusern, aufklappbar wie überdimensionierte Karteikarten. QR-Codes verlinken zu mehr Infos auf der Ausstellungswebsite, wo Video-Portraits Einblicke ins Innere der Wohnungen geben – mit den Menschen, die in ihnen leben (und arbeiten): Emilia, Linda, Margareta, Marte und Susanne schwärmen von Lieblingsecken, Doppelbelichtungen oder Wendeltreppen mit eigenständiger Raumqualität. Düttmanns Mehringplatz leuchtet von innen, auch wenn alles Licht von draußen kommt. Das wird auch der Fall sein in der Schimmelwohnung. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft HOWOGE hat im Februar 372 Wohnungen von einem privaten, passiven Vorbesitzer gekauft und saniert sie jetzt.

#8 Tempelhof-Schöneberg. Der Mut der Erbse

Adventskalender Türchen 8 Schöneberg Urania Umzug Regierungsviertel

Die Urania ist eine neben den Tellerrand gefallene Erbse. Weder liegt sie am Tauentzien, noch gehört sie einem der Kieze Schönebergs an. Schlimmer noch, die Volksbildungsstätte schrumpelt vor sich hin, ist in die Jahre gekommen und aus der Mode. Mit 42 Millionen Euro hilft der Bund, die Urania für die junge Generation attraktiver zu machen und den jetzigen Standort an der Kleiststraße zu erweitern. Mehr noch, er verleiht der Urania Flügel: Das Haus möchte umziehen, berichtet die Berliner Morgenpost im Januar. Die Erbse springt, so sieht´s aus, auf den Teller zurück. Genauer: Sie will sogar auf einem anderen Tisch unterkommen. Die Urania plant einen Neubau im Regierungsviertel! Das verdient höchste Aufmerksamkeit, denn es könnte kommen, was bis heute leider nie den Weg in die Wirklichheit gefunden hat: das Bürgerforum im Band des Bundes. Zwischen Paul-Löbe-Haus und Bundeskanzleramt sollte es nach den Entwürfen von Axel Schultes und Charlotte Frank in den 1990er Jahren das Volk, den Souverän, repräsentieren. Hoppla! Berlin hat sich weitergedreht. Eine Straße, die anfangs Provisorium war, verläuft seit zwanzig Jahren hier. Der Senat hat sie später durch einen B-Plan sichern lassen. Ist das Forum trotzdem möglich? Ist der Anflug der Urania möglich? Möge dem Bildungshaus Glück beschieden sein bei der Landung. Sie könnte hart ausfallen.

#9 Steglitz-Zehlendorf. Krachender Abzweig

Steglitz Autobahn A100 Abzweig Schlangenbader Straße

Es ist ganz natürlich, dass große Bäume im Laufe ihres Lebens hin und wieder einen Ast fallen lassen. Manchmal wird er ihm auch rabiat genommen, wenn zum Beispiel der Blitz einschlägt. Dann hat der Baum Glück gehabt, wenn sein Stamm noch steht. Der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin zielt im Juni auf den drei Kilometer langen „Abzweig Steglitz“ und entlässt seine Ladung in Form eines publizierten Städtebauentwurfs. Er sieht vor, die Ex-Autobahn A104, die am Wilmersdorfer Hohenzollerndamm beginnt und hinterm Steglitzer Breitenbachplatz in die Schildhornstraße mündet, komplett abzureißen. Seit 2006 ist die Strecke zur Stadtstraße degradiert und existiert als halbtoter Brückenbau fort, mit eigenen Verästelungen, Verrankungen, Verirrungen. Blöcke sollen den freiwerdenden Stadtraum verdichten. Teilweise dehnen sie sich weit in die Fläche aus, zum Beispiel, wo das Heizkraftwerk Wilmersdorf steht; es wird rückgebaut. Die Architekten, zu denen auch Ex-Senatsbaudirektor Hans Stimmann gehört, rechnen mit 6.500 neuen Wohnungen, die entstehen könnten. Da der „Abzweig“ im mittleren Abschnitt auch als Tunnel unter dem gigantischen, aus den 1970er Jahren stammenden Wohnbaukomplex Schlangenbader Straße verläuft, verbindet sich mit dem Reurbanisierungsvorschlag die spannende Frage, wie dieses Riesengebilde, einem Baumpilz gleich, in die neuen Stadträume eingebettet und angebunden werden könnte. Angesichts der Erzfeindschaft Stimmanns mit der städtebaulichen Moderne bleibt zu beobachten, ob in künftigen, kühneren Plänen, der Pilz eventuell mit dem Ast gemeinsam zu Boden fällt. Der AIV schlägt einen internationalen städtebaulichen Wettbewerb vor. In diesem Gewitter von Geistesblitzen könnte durchaus die ganze A100 draufgehen.

#10 Charlottenburg-Wilmersdorf. Verpuffende Schornsteine

Adventskalender 2021 Türchen 10 Charlottenburg A100 Heizkraftwerk Wilmersdorf

Abgeschaltet im April, um einen Schornstein beraubt seit dem Sommer, löst sich im Südwesten an der Stadtautobahn ein Stadtbild auf, das seit 1977 die weite Gegend prägt. Das Heizkraftwerk Wilmersdorf war wichtig. Nicht nur, weil es in 11.830 Betriebsstarts (Berliner Morgenpost) die Berliner mit Strom und Wärme versorgte. Das Bauwerk strukturierte die Strecke, war ein Meilenstein der autogerechten Stadt – und schnell an der Schulter vorübergezogen. Wer heute von Block 1 (der nun abgerissene Schornstein) bis Block 3 (Schornsteinabriss läuft aktuell) mehr als eine halbe Stunde Fahrzeit benötigt, der steht im Stau und sei daran erinnert, dass die guten alten Zeiten verpufft sind. Autogerechtigkeit 2021 heißt runterschalten, die Seele baumeln lassen, mal durchlüften und aus dem Fenster das Industriedenkmal betrachten. Zeit ist auch hierbei verpufft. Erst kürzlich und damit zu spät wurde das Heizkraftwerk Wilmersdorf in die Denkmalliste eingetragen. Doch noch ist dieses Erlebnis, die entschleunigte Schornsteinschau auf der A100 verfügbar. Noch stehen zwei Schornsteine. Noch ist die A100 eine Straße.

#11 Spandau. Campus “zum Quadrat”

Adventskalender 2021 Franke Spandau Siemenstadt

Hinterm Horizont ist die Siemensstadt in der Siemensstadt gebaut. Der Weg dorthin ist lang, und die Entwicklung der 70 Hektar Fläche und 600 Millionen Euro Investitionen bis zum Jahr 2030 führt über zehn Meilensteine. Nachdem im letzten Jahr der Masterplan vorgestellt wurde und 2022 mit dem Umbau der Versandhalle des Dynamowerks der Bau beginnt, hat sich das Industrieunternehmen im März dieses Jahres zunächst einmal einen scheinbar gemütlichen Zahlendreher geleistet. Der Innovationscampus Siemensstadt 2.0 heißt jetzt Siemensstadt2 („hoch zwei“ oder „zum Quadrat“). Ausgesprochen „Siemensstadt Square“, spielt der aufpolierte Zusatz auf den nördlich der Spandauer Nonnendammallee geplanten Stadtplatz an. Das Werksgelände in Spandau will sich ja der Stadt öffnen, sich mischen, anreichern mit Kitas, einer Schule, einem Hotel, studentischem Wohnen und Wohnungen (2.750) überhaupt. Bezifferte Titulierungen wie diese sind in Berlin allerdings mit Vorsicht zu genießen. Im Bezirk Lichtenberg ist ein „Square“-Vorhaben mit vermeintlich magnifizierendem Ziffernelement schon mal gescheitert. Das mehrfach prämierte Städtebauprojekt von Dirk Moritz auf dem Sportforum Hohenschönhausen trug sogar ein „hoch drei“ oder „Kubik“ im Namen. Sollte wohl durch die Decke gehen, hat aber nichts genützt. Ein Siegerpodest in Form von drei Hochhäusern symbolisierend war es in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, womöglich wegen einer geplanten Schule im zehnten Stock, nicht beliebt und ist seit 2016 Schnee von gestern. Ein Dahinschmelzen der Siemensstadt in der Siemensstadt lässt dann aber einen weiteren 2021 erreichten Meilenstein unvorstellbar erscheinen: Im Roten Rathaus wurde im August der städtebauliche Rahmenvertrag unterzeichnet. Und Verträge schaffen Vertrauen.

#12 Reinickendorf. Nach dem Takeoff kommen die Trümpfe

Adventskalender 2021 Türchen 12 Reinickendorf Flughafen Tegel TXL Zukunft

Ausgerechnet an einem Dienstag endete der zuletzt nicht enden wollende Dienst des treuesten der Berliner Flughäfen. Seit dem 5. Mai, dem Mittwoch, der auf diese dunkelste aller Berliner Mitternächte folgte, liegt der TXL Tegel in der Waagschale der großen Berliner Städtebauprojekte. Ab jetzt spielt der Bezirk Reinickendorf seine fetten Trümpfe aus. Was jetzt kommt, vermag die Airport-Historie locker aufzuwiegen: Mit der Beuth-Hochschule kommen die Studierenden, mit dem Industriepark kommt die Urban Tech Republic, und mit dem Schumacher-Quartier kommen sogar die Bäume. Ja, Bäume! Und zwar nur solche, die aus einer Entfernung von maximal 200 Kilometern herantransportiert werden dürfen. Sie sollen sich in neuen Formen zum “größten Holzbau-Quartier der Welt” zusammenschmiegen. Und dann soll das Gebaute auch noch zu einer “Schwammstadt” werden, ein Ort, der alles Regenwasser aufzufangen und verdunsten zu lassen vermag. Das Schumacher-Quartier wird also gleichzeitig sehr grün sein, was nicht zwangsläufig bedeutet, dass das Bauholz von Moos bewachsen erscheint. Die Superlative des Zukunftsorts werden hier keineswegs mit halber Kraft aufgefahren. Sie stampfen bis zum Kurt-Schumacher-Platz, für den das ehrwürdige, eidgenössische Baukollegium Mitte März den Bau von zwei bis drei neuen Hochhäusern abgesegnet hat.

#13 Metropolregion (13. Bezirk). Entfesselte Riesen

Adventskalender Franke Türchen 13 Tesla Erkner

King Kong und Godzilla liften die Stromautos in die nächste Etage. Die Roboter liefern im Oktober auf einem Volksfest eine Show. Vorläufig zum Schein sind sie aktiv auf der Produktionsstrecke in den 700 Meter langen Hallen der einzigartigen, Zukunft versprechenden, ohne Baugenehmigung errichteten, umstrittenen und umjubelten Grünheider Gigafactory 4 von Elon Musk. Der noch an die Erde gefesselte Geldriese lädt tausende Berlin-Brandenburger auf seine Ex-Baustelle ein (der Bau ist ja fast fertig), wo er, wie im April angekündigt, zusätzlich eine Batteriefabrik in den Sand setzen will. Ist Musk der Messias, der des Propheten Kohl Landschaften endlich zum Blühen bringt? Mit 12.000 versprochenen ostdeutschen Industriearbeitsplätzen scheint es so. Aber es scheint auch anders: Der märkische Sand der Metropolregion schimmert schon rot, denn King Kong & Co. saufen ex-orbital viel Wasser. Grundwasser. Gutes Wasser. Unser bestes Berliner Trinkwasser! Elon überragt Jeff Bezos und seine Milliardär-Mitstreiter am Ende dadurch, dass er nicht schneller zum Mars fliegen wird als sie. Musk holt sich den Mars einfach auf die Erde. Wenn´s für Musk weiterhin so gut läuft, sitzen die Berliner zu Weihnachten auf dem Trockenen. Und die Brandenburger baden im Sommer in ihrer geschichtlich legitimierten Streusandbüchse.

#14 Energie & Klima. Auf einem Acker in Pankow

Windmühlen standen schon auf dem Prenzlauer Berg als er noch gar kein Stadtteil von Berlin war. Wen wundert´s, dass der Bezirk Pankow, zu dem der Prenzlauer Berg (sowohl topografisch also auch politisch) seit 2001 gehört, der einzige ist, in dem Windkraftanlagen stehen. Zu den bisherigen fünf Mühlen kommt in diesem Jahr eine sechste. Oben in Malchow ragt sie 160 Meter in den Himmel über Berlin, steigert die Windkraftproduktion in der Stadt um 30 Prozent und winkt mit rotierenden Flügeln Berlins langjähriger, seit dem Sommer “entschwundenen” Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hinterher. Die Architektin suchte die Anlage vergeblich zu verhindern, weil sie zu nahe an dem geplanten Stadtquartier Karow-Süd steht. Ab 2025 sollen dort 3.000 Wohnungen entstehen. Es könnte die letzte Mühle auf Berliner Stadtgebiet gewesen sein. Neue Windkraftanlagen will die neue Koalition laut Koalitionsvertrag nur „gemeinsam mit Brandenburg“ bauen.

#15 Geschäfte & Gewerbe. Von wackeren Händlern

Drei Traditionsläden verabschieden sich 2021 aus den Kiezen Berlins. In Schmargendorf kapituliert der seit 1919 existierende „Utermarck“-Schreibwarenladen in der Breiten Straße 24, nachdem Inhaber Martin Herrmann wegen einer benachbarten, sehr geduldigen Baustelle zu hohe Umsatzeinbußen zu verbuchen hatte. Sie riegelte der Papeterie, einer alten, ehrwürdigen Dame gleich (es ist doch nicht McPaper!) einfach den Publikumsverkehr ab. Aus die Maus. Die Klagen Herrmanns vor dem Landgericht halfen nichts. Ein Verlust. Auch die Klagen des Kreuzberger Buchhändlers Thorsten Willenbrock vor dem von der Presse belagerten Gerichtsgebäude in Moabit führten nicht dazu, dass sein „Kisch & Co.“ in der Oranienstraße 25 bleiben durfte. Nach 24 Jahren packte er im August den Kultladen ein, während vor der Tür seine Anhänger protestierten. Wie vom Himmel fällt durch den Presseregen das Angebot von der Deutschen Wohnen herab, nur sieben Hausnummern weiter, in der Oranienstraße 32 neue Räume anzumieten. Willenbrock nimmt es an und gibt die Bücher in die Hände eines berühmt berüchtigten Immobilienriesen, den ein gleichnamiger Volksentscheid („Deutsche Wohnen & Co. enteignen“) zu entmachten beabsichtigt. Ein Teilerfolg. Einen Sieg auf ganzer Linie erringt dagegen das knapp 30 Jahre alte Blumencafé in der Schönhauser Allee 127a in Prenzlauer Berg. Im März geht der jahrelange Mietstreit zwischen dem Hamburger Eigentümer und dem Cafébetreiber Michael Schaarschmidt zu Ende. Die Blumen bleiben. Die legendären, im Laden laut krächzenden Aras, Arno und Charly, damit auch. Müssen die Papageien nur noch gut durch die Pandemie kommen. Denn von dieser Front, der Coronafront, gibt es auch für das aus diesem Grunde geschlossene Blumencafé keine guten Nachrichten. Und das gilt ja bekanntlich für alle Berliner Einzelhandelsgeschäfte.

#16 Wohnen & Co. Die Dreckskarre, die den Berliner Wohnraum bringt

Die Berliner Wohnungskrise liest sich gerade in diesem Jahr wie ein Krimi. Um die Obdachlosigkeit in der Stadt bis zum Jahr 2030 zu beenden, schlägt Ex-Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) im Januar einen Masterplan vor, der allerdings nicht mehr vor den Abgeordnetenhauswahlen im September erarbeitet und beschlossen werden kann. Im April erklärt das Bundesverfassungsgericht zwar den Mietendeckel für nichtig, aber im selben Monat sammelt die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ nach zwei Monaten 130.000 Unterschriften, um schließlich im Juni, nach zwei weiteren Monaten, insgesamt 349.658 Unterschriften der Senatsinnenverwaltung zu übergeben. Der mit der Bundestags- und Abgeordnetenhauswahl synchronisierte Volksentscheid findet somit am 26. September statt. Ergebnis: Mehr als 57 Prozent der Wählenden stimmen mit Ja. Ein Meilenstein für die Initiative. Er wird nur durch den kurz darauf erfolgten Super-Gau der Fusion von Vonovia und Deutsche Wohnen beiseite gerollt; immerhin entsteht durch die Übernahme der größte private Wohnungskonzern in Europa. Im Lichte dieses aufgehenden Herbststerns findet wie ein Fanal die Räumung der im Bezirk Mitte gelegenen „Köpi“ statt. Berlin hat einen Wagenplatz weniger. Und Berlin bekommt im November noch einen weiteren Dämpfer, als das Bundesverwaltungsgericht das in der Stadt offensiv praktizierte Vorkaufsrecht kippt. Der scheidende Stadtentwicklungssenator Sebastian Scheel (Linke) spricht von einer „Katastrophe“ für den Milieuschutz in Berlin. Und diese könnte sich fortsetzen in einer Schlappe der Expertenkommission, die nach dem erfolgreichen Volksentscheid nun in 100 Tagen prüfen soll, wie er umsetzbar ist. Es klingt, als fahre sich eine Karre (beladen mit mehr als 240.000 Berliner Wohnungen) im Dreck fest.

#17 Corona. Metamorphosen im Namen der Medizin

Es ist ein Reflex der Großstadt: In Krisenzeiten holt Berlin seine Großstrukturen heraus. Das war in der Flüchtlingskrise von 2015 so und es ist im Pandemiejahr 2021 so. Nacheinander poppen in der Stadt sechs Impfzentren auf. Noch vor Neujahr macht die Arena in Treptow den Anfang. Im Januar und Februar folgen das Erika-Heß-Stadion in Wedding, die Messe in Charlottenburg, der Flughafen Tegel in Reinickendorf, das Velodrom in Friedrichshain und – im März – das Flughafengebäude in Tempelhof. Was für Metamorphosen! Ob Konzerthalle, Radrennbahn oder Terminal: Die Architekturen synchronisieren sich zu einem Zweck. Aber zu kurz währt der Moment. Im Juli schließt schon Tempelhof, nach 175.000 Impfungen. Da waren’s nur noch fünf. Mitte August macht es das Velodrom genauso und verbucht nach sechs Monaten 250.000 Injektionen. Da waren’s nur noch vier. Ende desselben Monats hören auch das Erika-Heß-Stadion (260.000 Impfungen) und die Arena (600.000) auf, Impfstellen zu sein. Da waren’s nur noch zwei. Messe, Tegel. Sommerflaute, Herbstwelle… Und im Osten kein Zentrum. Das Velodrom macht bei der vierten Welle nun nicht mit. Trabrennbahn statt Radrennbahn, heißt die Lösung für den Berliner Osten, wenngleich ein neuer Typ Großstruktur dazu gekommen ist: das Einkaufszentrum. Mit dem Alexa in Mitte, dem Ringcenter in Friedrichshain, dem Linden-Center in Lichtenberg und dem Freizeitforum Marzahn sind’s im neuen Winter immerhin sieben Impfzentren in der Corona-Krise.

#18 Architektur & Städtebau. Spur der Fehler

Die 1.600 Quadratmeter Neuglas für die Fenster kommen aus China und vom Teppich wissen die Architekten nicht genau, ob ihre Entscheidung für die gedämpfte Atmosphäre richtig war, lässt Martin Reichert, Chipperfield-Architekt, in der Abendschau durchblicken. Die Sanierung eines Baudenkmals ist beendet. Die Schlüssel eines Schlüsselbaus der Architekturmoderne werden übergeben. David Chipperfield selbst schickt zu der Feierlichkeit an einem Tag Ende April weise Grüße per Video-Botschaft: “Wir wussten, dass unsere Anwesenheit nur durch unsere Fehler sichtbar werden würde.” Nach zehn Jahren Schließzeit und sechs Jahren Bauzeit eröffnet Mies van der Rohes letztes Bauwerk in Deutschland (im Sinne von Lebenswerk) im August wieder. Laut Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz, werden wir mehr Mies haben als vorher. Die Worte des neuen Hausherrn, die er bei der Schlüsselübergabe feierlich verkündet, ähneln sehr dem Wiederaufbau einer weiteren Architektur-Ikone in der Berliner Mitte – der Bauakademie (“Soviel Schinkel wie möglich”). Seit dem Sommer fühlt sich das Kulturforum also wieder ein bisschen freundlicher an, auch wenn neben der neuen Neuen Nationalgalerie schon die nächsten Bauzäune den Ort verzerren: jetzt befindet sich hier auch die Baustelle für das Museum der Moderne.

#19 Wasser & Uferlagen. Arbeitsplattformen des Wahrscheinlichen

Berlin ist mit vielen Wassern gewaschen. Während im Spandauer Nordhafen, einem Stichkanal der Havel, im Winter sechs Bootsfracks herrenlos herumdümpeln, und der Bezirk nicht so recht weiß, wie er sie los wird, bleiben die Kulturhafenkapitäne in der Rummelsburger Bucht sehr beweglich. Mit meinungsstarken Manövern parieren die Initiativen „Spree:publik“ und „Bucht für alle“ die Angriffe der Stadtverordneten und schreiben der Bezirkspolitik ein „Armutszeugnis“ aus. Auch Lichtenberg weiß nämlich nicht so recht, wie Hausboote, schwimmende Hütten von Obdachlosen und Kulturflöße vom See zu kriegen sind und versucht immer dasselbe Spiel – das Ankern zu verbieten. Es scheitert auch in diesem Jahr, als im Mai die Wasserschifffahrtsverwaltung wieder den Verbotsantrag ablehnt (wie bereits 2019). Die Bucht gehört dem Bund. Das ist es, was das Fahrwasser hinter Alt-Stralau anders macht als am Spandauer Maselakepark. Und der Bund meint es offenbar gut mit dem bunten Haufen (2018: 101 Objekte, laut Tagesspiegel). Schützt er ihn sogar? Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Fotograf Claudius Schulze vom Auswärtigen Amt gefördert wurde, als er mit seinem Atelierboot von Amsterdam nach Paris (und zurück) fuhr.. Mehrmals war der Mann in der Zeitung mit seiner „Eroberung des Unwahrscheinlichen“, so der Bootsname. Er klingt fast wie eine Herausforderung an alle, die am Alt-Stralauer und Rummelsburger Ufer stehen. Kommt und holt mich! Angesichts dieser Verwegenheit ist es eher wahrscheinlich, dass die zarte Urbanität auf der Spree nun auch die anstehende Seesanierung übersteht. Das Paul-und-Paula-Ufer wird mit einer 275 Meter langen Spundwand verrammelt (wie unromantisch), wozu eine Arbeitsplattform auf dem See entsteht. Claudius Schulzes Boot ist nichts anderes.

#20 Denkmal & Baukultur. Brutal unsichtbar

Der Titel des Reliefs im Moabiter Fritz-Schloss-Park erinnert daran, dass es sich bei dem Parkhügel um einen Trümmerberg handelt, wenngleich die Inschrift – „Den Notstandsarbeitern zum Dank“ – auf dem immer mehr verwitternden Stein schwer zu lesen ist. Das Jugendzentrum an der nahegelegenen Rathenower Straße 15-18, ein Gebäudekomplex aus den siebziger Jahren mit Hochhaus, Flachbau, Gartenanlage und Garagenplateau, könnte bald Trümmer beisteuern. Der Abriss droht. Im Februar werden auf dem Gelände schon die Bäume gefällt, und im Dezember lobpreist der Kritiker Nikolaus Bernau im RBB, es handele sich bei dem Haus um „britische Architektur auf allerhöchstem Niveau“. Eine Art Ritterschlag. Hat Berlin trotzdem bald ein brutalistisches Bauwerk weniger? Da liegen andere aus der Stilrichtung besser im Rennen. Das Hygiene-Institut der Charité in Steglitz stellt das Landesdenkmalamt im Januar unter Denkmalschutz. Und für den aufsehenerregenden „Mäusebunker“, ebenfalls in Steglitz, für dessen Rettung auf Change.org mittlerweile mehr als 9.700 mal unterzeichnet wurde, hat Landeskonservator Christoph Rauhut ein Modellvorhaben eingeleitet. Die Initiative des ehemaligen Tierlaboratoriums verweist infolge des Besucherinteresses mit der Tonalität eines Hilferufs auf die Charité: „Der Zugang zum Mäusebunker liegt nicht in unserer Hand“, so die Überschrift eines Blogbeitrags. In Moabit ist die Architekturszene dagegen weit davon entfernt, Massen managen zu müssen. Dankbar wäre sie wohl, es zu dürfen. Das Jugendzentrum vermag allerdings nicht mit der nötigen visuellen Schärfe aufzuwarten. Selbst Gabi Dolff-Bonekämper, Professorin für Denkmalpflege an der TU Berlin, habe das Gebäude jahrelang nie gesehen, obwohl sie regelmäßig daran vorbeigekommen sei, berichtet sie selbst auf einem Symposium. In Zukunft wird sie hier einen Wohnungsbau vorfinden. Denn Wohnen ist das Argument der Stunde in Berlin, gibt auch Nikolaus Bernau beipflichtend zu. Man könnte auch sagen, es stehen wieder Notstandsarbeiten an.

#21 Straße & Mobilität. Unter Kiezen

Auf den ersten Blick sind es die Friedrichstraße und Unter den Linden, denen 2021 die große Aufmerksamkeit gebührt. Die Friedrichstraße bleibt auf Dauer autofrei, entscheidet die Verkehrsverwaltung im Oktober. Und die Linden finden sich nach der nun begonnenen Fahrbahnerneuerung bald in einem neu aufgeteilten Straßenraum wieder. Es sind aber Berlins Nebenstraßen, die zu den Hauptschauplätzen der Verkehrswende werden. Zur Saison eröffnen im Frühjahr bis zu 40 temporäre Spielstraßen (acht davon allein in Friedrichshain-Kreuzberg), von denen 35 (jenseits ihrer regulären Öffnungszeiten) auch am internationalen autofreien Tag aufschlagen, einem Mittwoch, der 2021 in die Wahlwoche fällt. Gleichzeitig macht die berlinweite Kampagne der #Kiezblocks die Runde. Von angepeilten 180 Kiezblocks, bei denen es darum geht, den motorisierten Durchgangsverkehr aus den Wohnquartieren heraus zu bekommen, haben Nachbarschaftsinitiativen bereits 53 Kiezblocks auf den Weg gebracht. Es laufen Unterschriftensammlungen und Einwohneranträge. Die folgenden fünf wurden von den Bezirksverordnetenversammlungen vor Ort bereits beschlossen: Im Wedding der Badstraßenkiez, in Neukölln der Schillerkiez und in Kreuzberg der Reichenberger, der Bergmann- und der Viktoriakiez. Bis dato zeigt die Kampagnenkarte keinen Kiezblock im Raum Friedrichstraße oder Unter den Linden. Aber wenn es soweit ist, dann werden beide mehr sein als umkämpfte Hauptstraßen, prominente Boten ihres Hinterlands nämlich. Das Dumme ist, sie haben keins.

#22 Kunst, Kultur & Bildung. 365 Mal im Jahr Friedenstag

Auf dem Gelände zwischen Bundespressekonferenz und Paul-Löbe-Haus ist jeden Tag Weltfriedenstag, nicht nur am 1. September. Denn dort steht Ben Wagins „Parlament der Bäume“ (1990), das gepflanzte Abbild einer nach Reflexion und Kommunikation verfassten Gesellschaft. Die Bäume, so Wagin, reden ja miteinander. Dreieinhalb Jahre nachdem sein „Parlament“ samt Bäumen und Berliner Mauer unter Denkmalschutz gestellt worden ist, stirbt der Berliner Aktionskünstler und Naturaktivist im Alter von 91 Jahren im Juli. Zum Weltfriedenstag, es ist ein Mittwoch dieses Jahr, findet eine spätsommerliche Trauerfeier mit etwa 100 Personen statt. Es scheint die Sonne. Es gibt Kaffee, einen Film und Reden. Die Bäume schweigen an dem Tag, beamen die Besucher in die Atmosphäre eines familiären Gartenfests. Gießkannen, geklettert auf Kronen, Schläuche, hängend an den Stämmen, und Schulranzen liegen im Gras. So sprechen sie doch durch die Kunst, sprechen durch den Toten, Ben Wagin: Um uns kümmern sich jetzt die Grundschüler vom Neuen Tor, lautet eine seiner letzten Botschaften. Sie tun es wirklich. Ein Bildungsprojekt. Vielleicht hat Ben Wagin noch die folgende Botschaft vernommen, kurz bevor er starb: Seit Juni betreut die Stiftung Berliner Mauer das „Parlament der Bäume“. Weniger diese: Claudia Roth (Grüne) ist nach dem Regierungswechsel die neue Staatsministerin für Kultur und Medien, die in ihrer Rolle Wagins Frieden finanziell unterstützt. Alles im grünen Bereich also, zwischen Bundeskonferenz und Löbe-Haus.

#23 Sport & Stadt. Kommt Zeit, kommt Park

Adventskalender 2021 Türchen 23 Jahnsportpark Prenzlauer Berg

Das Logo der Special Olympic World Games, die im Juni 2023 in Berlin ausgetragen werden, zeigt das Brandenburger Tor und den Fernsehturm. Das Cantianstadion in Prenzlauer Berg hat es nicht mit auf das Logo geschafft. Dabei hätten die Spiele für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung ursprünglich genau dort stattfinden sollen: in einem geplanten Stadion-Neubau im Osten des Mauerparks, mitten im neu gestalteten Inklusionspark. Weder ist das Stadion gebaut, noch der Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark umgestaltet. Also verpasst Berlin übernächstes Jahr einen Meilenstein in der Sportgeschichte. Ein anderer Meilenstein wurde erreicht, einer, der auf der stadtplanerischen Ebene liegt. Einer, der die Ertüchtigung von Senatsplanung betroffener Stadtteilbewohnerschaft bezeugt. Das Werkstattverfahren zur Zukunft des Jahnsportparks, erstritten durch eine Bürgerinitiative, hat im Herbst drei Entwürfe hervorgebracht. Im ersten wird das Stadion umgebaut, im zweiten wird es abgerissen und neugebaut, im dritten bleibt es stehen und wird über eine Fußgängerbrücke mit einem zweiten Stadion verbunden. Es könnte genau dort gebaut werden, wo – wie schon im vorangegangenen Winter – das Veranstaltungszelt des Rheinländischen Figurentheaters residiert. Grüffelo, Hotzenplotz und Petterson würden Platz machen müssen, käme das gigantische Zwillingsstadion in die Welt. Dass über die Entwürfe weder vor noch nach der Wahl eine Entscheidung gefallen ist, enttäuscht die Akteure in der Initiative, denn sie wurde ihnen zweimal versprochen. Ob der befürchtete Abriss der silhouette-fähigen ostmodernen, 1987 errichteten Sportanlage (Flutlichttürme, Glasfassaden, Tribünendach) kommt, wird nun doch erst im Oktober 2022 beantwortet. Außerdem werden die Planungen für Stadion und Park fortan auseinander gerissen. So wird der Inklusionspark erst in der nächsten (also der nächsten!) Legislaturperiode gebaut. Sieht ganz danach aus, als blickte der Senat wieder auf Meilensteine.

#24 TOP. Der goldene Steg

Türchen 24 Adventskalender 2021 Senatsbaudirektion Golda-Meir-Steig

Das Ende einer vierzehnjährigen Amtszeit erlaubt Inszenierungen wie diese zwei: Eine klappernde Marionettenfigur watschelt an Fäden geführt durch die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch, während Berlins Ex-Senatsbaudirektorin, Regula Lüscher, durch das Gebäude führt. Sie hatte den Umbau begleitet. Beiden gemein, wenngleich unauffällig: der rotblonde Schopf, die blau-graue Kleidung. Visuell stärker wirkt die Szene am Golda-Meir-Steg. Dessen ockergelbes und in Nahaufnahme zu erkennendes, fein gegliedertes Stahlgeländer grüßt im Hintergrund aus der Europacity, während Lüscher ihren Werkschaufilm „Bauen für Menschen“ anmoderiert – ein Abschiedsgruß im farblich perfekt abgestimmten Mantel. Die Architektin mit dem scharfen Sinn fürs Detail (sie betonte immer die erste Silbe des Worts) leitete Berlins Senatsbaudirektion unter fünf verschiedenen Stadtentwicklungs-Senatoren und -Senatorinnen: Ingeborg Junge-Reyer (SPD), Michael Müller (SPD), Andreas Geisel (SPD), Katrin Lompscher (Linke) und Sebastian Scheel (Linke). Seit dem Sommer befindet sie sich im Ruhestand. Der „goldene“ Steg, zum Zeitpunkt der Dreharbeiten noch nicht intakt, ist seit Mitte Dezember passierbar! Damit wird der Zugang zur Europacity, eines der zahlreichen Lüscherwerke (eine fotografische Werkschau am Fehrbelliner Platz zeigt 140 Projekte), direkt aus Mitte möglich (Chaussestraße, Scharnhorststraße, Kieler Eck). Noch unterm Weihnachtsbaum, weil vor vier Tagen in den Medien berichtet, erfährt Berlin sogar, wer Regula Lüscher folgen wird: Es ist die Berliner Architektin Petra Kahlfeldt. Und (soviel Platz muss in Tür Nr. 24 eines Adventskalenders sein): Senator für Stadtentwicklung wird erneut Andreas Geisel (immer noch SPD).

Das war der Urbanophil Adventskalender 2021. Wir ließen das Jahr für Berlin Revue passieren und sind gespannt, wie es 2022 weitergeht!