Stadtentwicklung ist Diskurs. Ohne Diskurs keine Stadtentwicklung
Kernaufgabe von Stadtentwicklung ist es, Interessen und Themen zu ermitteln, menschliche Bedürfnisse ernst zu nehmen, abzuwägen, Vorschläge zu generieren, vielfältige Gruppen zu beteiligen und am Ende eine Strategie für die Zukunft festzulegen. Das fällt nicht immer leicht, auch den Planenden nicht, da sich oftmals sehr konkrete Interessen gegenüberstehen, die auf beiden Seiten mit starken Mitteln vertreten und bisweilen durchgesetzt werden.
Für eine Stadtentwicklung, die die aufkommenden Probleme und deren Spannungsfelder im Blick hat, braucht es Ideen, Akteure und Partner aus allen Bereichen der Stadt. Elementar ist es daher, einen Diskurs über diese Fragen zu initiieren und hierüber immer wieder neue Fragen, Antworten und Lösungen zu finden. Dieser Diskurs muss alle einschließen, darf nicht ausgrenzen, aber auch niemandem eine überproportionale Deutungshoheit überlassen. Dafür braucht es Mittler.
Für eine umfassende Partizipationskultur
Die Partizipation an diesen Prozessen erfordert auf allen Seiten Verständnis, Toleranz, aber auch den Austausch von Wissen. Denn erst zusammen, durch die Verbindung von lokalem und Expertenwissen kann die Komplexität und Vielschichtigkeit urbaner Prozesse gehandhabt werden. Diese Prozesse bleiben aber für viele Bewohner zu abstrakt, sind nicht fassbar und haben wenig mit der täglichen (Über)Lebenswelt zu tun. Oftmals werden Hierarchien wahrgenommen, die zu Missverständnissen und zur Lähmung des gesamten Prozesses beitragen können. Darüber hinaus wird von einigen Akteuren Macht ausgeübt, die eine basisorientierte Beteiligung schwer bis unmöglich macht.
Diese Hierarchien gilt es aufzuheben, eine Augenhöhe herzustellen, schließlich geht es um eine gemeinsame urbane Zukunft, darum, wie das Zusammenleben in Zukunft gestaltet werden kann und soll.
Der Austausch, die Diskussion, die Bildung und damit der Einbezug können nur fruchtbar werden, wenn diese dort angeboten und vermittelt werden, wo sie auch gebraucht werden. Wenn das Ziel eine ortsbezogene und gemeinsame Diskussion von allen Beteiligten ist, müssen dafür Formate entwickelt werden, in der Akteure lokal zusammenkommen und ein Interesse an einer gemeinsamen Arbeit am Projekt Stadt (bzw. Stadtteil) entwickeln können.
Das kann über ein öffentliches, interaktives und für alle zugängliches Bildungsangebot vor Ort geschehen.
Diskurs vor Ort – die Mobile Universität Berlin
Ausgehend von dieser Überzeugung und aus der Erfahrung vieler schon durchgeführter Projekte haben sich 2011 drei Mitglieder von Urbanophil (Karsten Michael Drohsel, Stefan Höffken und Tobias Meier) dazu entschlossen ein Projekt zu entwickeln, das ein solches Bildungsformat in die Quartiere bringt.
Um einen breiteren Diskurs zu ermöglichen wurde eine Form gefunden, die den großen Namen „MUB – Mobile Universität Berlin“ trägt. Einerseits stellt sie sich somit in eine Reihe mit den etablierten Institutionen der Stadt, fällt aber gleichzeitig aus diesem heraus, da sie die tradierten Strukturen durch unabhängige Bildungs- und Beteiligungsformate unterwandert. Denn gerade eine so wichtige Aufgabe, wie die Planung unserer unmittelbaren Umwelt darf nicht allein dem Einflussbereich eines beschränkten Personenkreis unterliegen, sondern muss sich immer wieder neu öffnen, einbeziehen, vermitteln.
Aus diesem Grund verlässt die MUB die Räumlichkeit und damit verbunden die Institution Universität und bringt den Diskurs in die öffentlichen Räume der Stadt, bietet somit ein Forum für ein gemeinsames Lernen und Austausch über die Erkenntnisse. Die MUB dient somit als mobile Plattform, mit der Stadträume entdeckt, bespielt und diskutiert werden können.
Als Kernelement wird ein multifunktionales Cargo-Bike genutzt, das von der Stiftung Freizeit entworfen und gebaut wurde. Für die verschiedensten Ansprüche ist eine Form entwickelt und gefunden worden, die es erlaubt überall in der Stadt eine Lehr- und Lernsituation aufzubauen und das lokale Wissen, die Kompetenzen und Talente zusammen zu führen. Die integrierte Möblierung erlaubt es unterschiedliche Diskurssituationen räumlich abzubilden. Durch verschiedene Gestaltungsmaterialien und eine digitale Einheit, die mitgeführt werden, können Menschen zum Aufenthalt und zur Mitwirkung angeregt, zur Aktion und Interaktion aufgefordert werden.

Gestaltungsentwurf der Mobilen Universität Berlin (Stiftung Freizeit, Skizze Inés Aubert/Rubén Jodar)
Auf der Suche nach Kooperationspartnern und Möglichkeiten der Umsetzung kam ein Kontakt zum BMW Guggenheim Lab zustande, dessen Verantwortliche sich für die Idee begeisterten. Es wurde ein Modell gefunden, wie über Workshophonorare die Infrastruktur der MUB finanziert werden kann, die auch weit nach Beendigung des Berliner Labs für die mobile Universitätsarbeit in Berlin, aber auch außerhalb zur Verfügung stehen kann.
Jede/r der Urbanophil kennt und seit nun mehr sechs Jahren aufmerksam verfolgt, kann sich vorstellen, dass intern lange über eine solche Beteiligung diskutiert wurde. Und auch jetzt herrscht über die Teilnahme, gottseidank, bei weitem keine Einigkeit. Dennoch sind die Mitglieder des Vereins zu dem Entschluss gekommen, die Arbeit des MUB-Teams zu unterstützen.
Die MUB sieht in der Teilnahme am BMW Guggenheim Lab eine große Chance, den Diskurs über Stadt und deren Nutzung breit und intensiv zu führen – gerade auch mit Personen, mit denen bisher nicht diskutiert werden konnte. Der gemeinsame Wunsch ist dadurch getragen, weitere Sichtweisen auf stadtentwicklungspolitische Prozesse kennenzulernen sowie unbequeme Themen und Fragen zu diskutieren und darüber öffentlich zu berichten.
Wenn sich alle Gruppen und Einzelpersonen einbringen und die Chance auf einen stadtweiten Diskurs verantwortungsvoll im Sinne aller nutzen, kann eine Diskurskultur etabliert werden, die eine lebhafte und produktive Diskussion befördert. Daher sind das MUB-Team, aber auch Urbanophil an eurer Meinung interessiert und freuen sich über Hinweise, Anregungen und konstruktive Kritik. Aber auch über eure aktive Teilnahme an den Formaten der Mobilen Universität Berlin.
Karsten Michael Drohsel, Stefan Höffken, Tobias Meier