von Gastautor Felix Richter

Ist das noch MODERN oder schon POSTMODERN? Die eben eröffnete Ausstellung: “Anything Goes? Berliner Architekturen der 1980er Jahre” in der Berlinischen Galerie stellt diese Frage nicht explizit, vielmehr ist sie Impulsgeber, im schillernden Kaleidoskop der geteilten Berliner Baugeschichte noch einmal gezielt dieser Frage nachzugehen.

Berlinische Galerie Anything Goes Tastmodell Nikolaiviertel

Moderne oder Postmoderne? Ob als gesellschaftliche Epochendiskussion oder ästhetische Stildebatte – nur selten gehen die Einschätzungen von ArchitektInnen, KunsthistorikerInnen und Architekturinteressierten so lebhaft und facettenreich auseinander wie im Fall des vielfach postulierten Übergangs zur Postmoderne, der mehrheitlich in den frühen 1970er Jahren gesehen wird: Folgt auf die zukunftszugewandte Ära der Moderne tatsächlich eine retrospektive, geschichtsbewusste Dekade der Postmoderne? Oder ist der städtebauliche Rückgriff auf die Insignien der “Alten Stadt” doch vielmehr pragmatisch, als legitimatorisch-politischer (Ost) bzw. sozial-politischer (West) Turn von PlanerInnen und ArchitektInnen zu verstehen, den zeitgenössischen, bald schon gesamteuropäischen Sehnsüchten nach Milieu, Kiez und gebauter Heimat eine architektonische Entsprechung zu verleihen?

Was beschreibt also den Kern der postmodernen Architektur in Ost- und West-Berlin? Was genau ist ihre inhärente Kritik an der architektonischen Moderne? Bildet die Postmoderne eine Antithese zu Rationalisierung und Wirtschaftlichkeit und steht mit individuellen, kleinteiligen und pluralistischen Architekturkonzepten für ein reflexives Umdenken und damit für eine Hinwendung zu neuen städtebaulichen Leitbildern?

Die in der Berlinischen Galerie gezeigten Entwürfe, Fotografien und Modelle geben zur Beantwortung dieser Fragen zumindest Anhaltspunkte. Was den realisierten und unrealisierten Entwürfen aus den 1980er Jahren klar zu entnehmen ist: sie zeigen den Bruch mit dem Dogma des rechten Winkels. Dreiecke, Rundungen, Erker, Schwünge, Säulen und Röhren – sowohl Anleihen an das traditionelle Repertoire des Städtebaus als auch an den frühen Konstruktivismus – bilden einen unverkennbar neuen, postmodernen Formenkanon der Gebäudekubatur. Ästhetische Verzierungen, variable Grundrisslösungen, verschachtelte Einbauten, versetzte Baukörper und differenzierte Gebäudehöhen zeugen überdies von einer Abkehr von der monolithisch gedachten Form. In diesem Punkt können sich die gezeigten Entwürfe auch von ihren ideengeschichtlichen Wegbereitern – den oftmals modular anmutenden, teils aluminiumvertäfelten, teils brutalistisch inspirierten Space- und Soft-Edge-Architekturen – noch einmal deutlich emanzipieren, erinnern diese doch vielerorts, insbesondere in ästhetischer Hinsicht, an die kybernetischen Metaphern einer verheißungsvollen Moderne.

Nimmt man zu guter Letzt die durchweg lohnende Ausstellung zum Anlass, über die 1980er Jahre hinaus auf das heutige Berlin und die städtebaulichen Entwicklungen der Nachwendezeit zu blicken, drängen sich weitere Fragen auf: Zeigen gerade die jüngeren Bauten, entgegen ihrer vielfach postulierten Heterogenität, nicht auch eine erstaunliche, pluralistische Norm? Und offenbart so manche Berliner Postmoderne – vor allem in ihrer brachialen Vertikalität – nicht eine so frappierende Ähnlichkeit zur faschistischen Architektur, als dass man sie für eine populäre Zitation des italienischen Razionalismo halten könnte? Anything Goes!